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Else Ury

Else Ury wurde am 1. November 1877 als Tochter des Berliner Tabakfabrikanten Emil Ury und seiner Frau Franziska in Berlin geboren und starb am 13. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz im Alter von 65 Jahren.
Die Schriftstellerin und Kinderbuchautorin war die Mutter von "Nesthäkchen".

Die Anfänge
Nesthäkchen
Die Patriotin
Verfolgung und Tod
Nachtrag

Die Anfänge
Else Ury wuchs in einem wohlbehüteten und sehr liberalen jüdischen Elternhaus auf. Sie hatte zwei ältere Brüder - Ludwig und Hans und eine jüngere Schwester namens Käthe. Während Ludwig Jura studierte und als Justizrat in den preußischen Staatsdienst trat, studierte Hans Medizin und wurde ein anerkannter Gastroenterologe.
Den beiden Schwestern Else und Käthe blieben solche Berufskarrieren in jener Zeit verwehrt. Sie besuchten ein privates Lyzeum, das den Mädchen die traditionellen Fächer wie Handarbeiten, Fremdsprachen, Musik und Zeichnen vermittelte und sie auf ihre spätere Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitete.
Käthe besuchte nach dem Schulabschluss ein Lehrerinnenseminar und beendete es mit einem Examen. Danach heiratete sie Hugo Heymann, einen preußischen Baurat und bekam drei Kinder.
Else durchlief keine Berufsausbildung und sie heiratete auch nicht. Sie blieb im Hause ihrer Eltern und pflegte ihre Mutter bis zu deren Tod.

1905 erschien die Märchensammlung "Was das Sonntagskind erlauscht". Es war das erste Buch von Else Ury. Danach folgte der Roman "Studierte Mädel". Beide Bücher wurden Publikumserfolge und so wuchs die Zahl ihrer Leser schnell.
Ury schrieb Romane, Kurzgeschichten und Erzählungen für Kinder und Heranwachsende. Ihre Geschichten fanden meist in einem gutbürgerlichen christlichen Umfeld statt. Das traditionelle Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau stellte Else Ury nicht in Frage, was sich bis auf ganz wenige Ausnahmen auch in ihren Büchern niederschlug. Die vornehmste Aufgabe der Frau war es, eine treu ergebene Ehefrau zu sein und Kinder zu gebären. Eigene Wünsche oder gar eine berufliche Karriere fanden in diesem Weltbild keinen Platz.
1913 erhielt Else Ury eine öffentliche Auszeichnung von dem Vereinigten Deutschen Prüfausschuss für Jugendschriften, der ihre Bücher als lesenswert empfahl.

Nesthäkchen
Ihr größter Erfolg aber und ihr Durchbruch als bekannteste Kinderbuchautorin der Weimarer Republik war das Nesthäkchen. Nach der ersten Veröffentlichung folgten bis 1925 insgesamt zehn Bände. Ury erzählte dort die fiktive Lebensgeschichte der protestantischen Berliner Arzttochter Annemarie Braun, angefangen von ihrer Kindheit bis hin zur alten Frau.
Nicht nur in Deutschland fand das Nesthäkchen ihre Leser sondern auch im europäischen Ausland. Die Nesthäkchen-Serie wurde für Ury auch ein riesiger finanzieller Erfolg. So soll sie rund 250.000 Reichsmark erzielt haben, was ihr auch den Kauf einer Ferienvilla im Touristenort Krummhübel (Karpacz) im heute polnischen Teil des Riesengebirges ermöglichte. Und - als wollte sie niemals vergessen, wem sie das Domizil zu verdanken hätte - gab sie ihrem Haus den Namen "Nesthäkchen"
1923 folgte eine neue Kinderbuchreihe, "Professors Zwillinge", von der insgesamt fünf Bände erschienen.
Auch das Radio präsentierte seinen Hörern die Kinderbuchgeschichten der Else Ury und ihr 50. Geburtstag wurde gar ein gesellschaftliches Ereignis, denn der Herausgeber ihrer Romane, der Meidinger Jugendschriftenverlag, lud zu einem Geburtstagsempfang im Berliner Hotel Adlon.

Die Patriotin
Else Ury war konservativ und heimatverbunden und so teilte sie auch den in Deutschland durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges herrschenden Hurra-Patriotismus. Damit stand sie als Jüdin aber nicht allein da - Zehntausende deutscher Juden folgten dem Ruf von Kaiser Wilhelm II: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche [...] ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied".
Die Juden, die auf ein Ende der Ausgrenzung und auf Gleichberechtigung hofften, zogen freiwillig für Deutschland in den Krieg. Auch Elses Bruder Hans diente seinem Vaterland freiwillig als Militärarzt.

Else Ury unterstützte das kriegführende Kaiserreich sowohl durch ihre Arbeit in der Kriegsfürsorge des Nationalen Frauendienstes als auch durch ihre Kriegsromane, die in jener Zeit erschienen. Damals arbeitete sie auch an dem vierten Band "Nesthäkchen und der Weltkrieg".
Selbst die Machtergreifung Adolf Hitlers konnte Else Ury zunächst nicht schrecken und so gehörte sie tragischerweise zu jenen, die die Zeichen der Zeit nicht erkannten oder nicht erkennen wollten.
In ihrem letzten Buch "Jugend voraus" aus dem Jahr 1933 gab sie Ihrer Hoffung Ausdruck, dass mit Hitler der "politische Vorfrühling" in Deutschlands Staatsregierung Einzug halten möge und dass sich die "aufbauwilligen Deutschen«" unter seiner Führung zusammenschlössen.

Verfolgung und Tod
Was auch immer sich Else Ury mit dieser Anbiederung an Hitler erhofft hatte, sie wurde bitter enttäuscht, denn für die einst so gefeierte Schriftstellerin begann der soziale Abstieg. Am 6. März 1935 wurde sie aus der von Joseph Goebbels gegründeten Reichsschrifttumskammer, der Standesvertretung der deutschen Schriftsteller, ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Dennoch blieben ihre Bücher in Deutschland auch weiterhin sehr beliebt. Ihr Versuch, die Bücher in Großbritannien zu veröffentlichen, scheiterte.
Ein schwerer Schicksalsschlag traf Else Ury, als sich ihr Bruder Hans, dem sie sich besonders eng verbunden fühlte, im Sommer 1937 aus Verzweiflung über seine berufliche Zukunft Selbstmord beging.
Die meisten Familienmitglieder von Else Ury emigrierten rechtzeitig ins Ausland, darunter auch ihr Bruder Ludwig, der 1939 die letzte Möglichkeit nutzte, um nach England zu kommen. Ihre Neffen Fritz Ury und Klaus Heymann lebten bereits seit 1936 in London. 1938 besuchte Else Ury ihre beiden Neffen, aber sie blieb nicht in London, denn in Deutschland wartete ihre alte Mutter auf sie.
1939 musste Ury mit ihrer betagten Mutter ihre Wohnung im vornehmen Charlottenburg verlassen und in ein sogenanntes "Judenhaus" im ärmlichen Berliner Ortsteil Moabit ziehen.

Nach dem Tod ihrer 92-jährigen Mutter im April 1940 wurde es einsam um Else Ury. Gerne wäre auch sie nun ins Ausland emigriert, doch die Versuche ihres Neffen Klaus Heymann, seiner Tante ein Ausreisevisum nach Kuba zu beschaffen, scheiterten.
Ihre Schwester Käthe war mit ihrem Ehemann im April 1939 nach Amsterdam emigriert, wo sie bei ihrer ältesten Tochter Lisbeth Jachmann, ihrem Schwiegersohn Berthold und ihrem Enkelsohn Peter lebte.
Doch auch in Amsterdam war die Familie nicht sicher, denn bereits ein Jahr später besetzten die Nationalsozialisten die Niederlande. Die Familie wurde verhaftet, deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet.

1941 wurde Else Ury enteignet. Sie verlor ihr gesamtes Vermögen, ihre Wohnung, ihr Ferienhaus und das dazugehörige Inventar.
Am 6. Januar 1943 musste sich Ury in der Deportationssammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 in Berlin-Mitte einfinden. Am 12. Januar 1943 wurde Else Ury nach Auschwitz deportiert und sofort nach ihrer Ankunft am 13. Januar 1943 in der Gaskammer umgebracht.
Else Urys Koffer und das Kofferband mit der Beschriftung "Else Sara Ury, Berlin, Solinger Straße 10" gehören heute zu den Exponaten im Museum Auschwitz.

Nachtrag
Das Nesthäkchen war während der NS-Zeit wegen seiner jüdischen Autorin verboten. Die Alliierten setzten den kriegsverherrlichenden vierten Band ("Nesthäkchen und der Weltkrieg") auf die Zensurliste.
Erst im September 2016 erlebte der berüchtigte vierte Band eine Neuauflage.

Auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee erinnert am Familiengrab eine Gedenktafel an Else Ury.
In Berlin-Charlottenburg befindet sich am Haus in der Kantstraße 30, wo sie von 1905 bis 1933 wohnte, eine Gedenktafel, die an die Kinderbuchautorin erinnert.
Vor ihrem letzten Wohnsitz in der Solinger Straße 10, der nach dem Krieg abgerissen wurde, wurde im September 2003 ein Stolperstein verlegt. In der Nähe des Savignyplatzes trägt eine kurze Fußgängerpassage den Namen Else-Ury-Bogen.
An ihrem ehemaligen Ferienhaus wurde der Schriftzug "Dom Nesthäkchen" angebracht.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Bücher von Else Ury in überarbeiteter Form wieder verlegt und so hat auch heute noch das Nesthäkchen seine treue Leserschaft. 1952 erschien der erste Band: "Nesthäkchen und ihre Puppen".
Bisher hat die Nesthäkchen-Serie eine Gesamtauflage von über sieben Millionen Exemplare erreicht. 1983 verfilmte das ZDF drei Nesthäkchen-Bände.
Über das traurige Schicksal der "Mutter" von Nesthäkchen wusste die breite Öffentlichkeit lange Zeit nichts.

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