Berlin - Impressionen einer Metropole Berlin, Oberbaumbrücke und Fernsehturm

Gustav Stresemann

Gustav Stresemann wurde am 10. Mai 1878 in Berlin geboren und starb am 3. Oktober 1929, ebenfalls in Berlin.
Der Reichskanzler und Reichsaußenminister der Weimarer Republik sowie Friedensnobelpreisträger war Mitbegründer und Partei- und Fraktionsvorsitzender der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP).

Die frühen Jahre
Die junge Republik
Der Politiker
Die späten Jahre
Die Verdienste

Die frühem Jahre
Gustav Stresemann war der Sohn des Berliner Flaschenbierhändlers und Kneipiers Ernst August Stresemann und dessen Ehefrau Mathilde. Er wuchs mit sieben Geschwistern in einem protestantisch-liberalen Elternhaus auf.
Bis 1897 besuchte Stresemann das Andreas-Realgymnasium, dem er 25 Jahre später in Erinnerung an seine dort verbrachte Schulzeit eine nach ihm benannte Schulbibliothek stiftete.

Nach dem Abitur studierte er zunächst Literatur und Geschichte und begann dann das Studium der Nationalökonomie, das er Anfang 1901 mit dem Erwerb eines Doktorgrades an der Universität Leipzig abschloss. Das Thema seiner Dissertation: "Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts".
Während seiner Studienzeit war Stresemann zunächst Mitarbeiter und später Redakteur der Allgemeinen Deutschen Universitäts-Zeitung.

Nach dem Studium arbeitete Stresemann als Assistent und Lobbyist beim Verband deutscher Schokoladenfabrikanten in Dresden.
Am 20. Oktober 1903 heirateten Stresemann und Käte Kleefeld, Tochter eines jüdischen Industriellen, in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Wolfgang (1904-1998) und Joachim (1908-1999).
Im selben Jahr trat er der Nationalliberalen Partei bei und wurde 1917 deren Vorsitzender. Mit 28 Jahren war Stresemann der jüngste Abgeordnete im Deutschen Reichstag.


Die junge Republik
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der erzwungenen Abdankung von Wilhelm II brach für Stresemann, dem glühenden Anhänger der Monarchie, der die Großmachtträume des Kaisers teilte und dessen Expansionspolitik befürwortete, eine Welt zusammen.

Die Ereignisse überschlugen sich an jenem 9. November 1918.
Am späten Vormittag verkündete Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und übertrug sein Amt an den SPD-Politiker Friedrich Ebert.
Kurz nach 14 Uhr gab der SPD-Politiker Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Abdankung des Kaisers bekannt und rief die "Deutsche Republik" aus.
Rund zwei Stunden später proklamierte Karl Liebknecht im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss die "Freie Sozialistische Republik Deutschland".

Im Februar 1919 tagte in Weimar die frei gewählte Deutsche Nationalversammlung mit dem Ziel, der jungen Republik eine Verfassung zu geben. Stresemann, der Vorsitzende der DVP forderte eine parlamentarische Monarchie, die sich allerdings nicht durchsetzen ließ, da die Befürworter einer Demokratie über eine Zweidrittelmehrheit verfügten.
Stresemann tat sich zunächst schwer, die politischen Veränderungen im Reich zu akzeptieren.

Am 11. August, 70 Jahre nach der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, war es dann soweit: die erste demokratische Verfassung Deutschlands wurde verkündet. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ging die Macht vom Volke aus, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte war die Regierung nicht der Krone sondern dem Volk verpflichtet.
Für die Flagge wählte man die Farben Schwarz-Rot-Gold, die schon seit der Zeit der Befreiungskriege (1813-1815) als Symbol der nationalen Einheit Deutschlands galten.

Doch die Weimarer Republik war von Anfang an schweren Belastungsproben ausgesetzt. Im Spiegelsaal von Versailles, wo einst Wilhelm I zum Deutschen Kaiser ausgerufen worden war und Otto von Bismarck die Deutsche Einheit geschaffen hatte, fanden sich die Siegermächte des Ersten Weltkrieges zusammen. Während die USA und Großbritannien moderate Forderungen an Deutschland stellten, wollte Frankreich seinen Erzfeind entscheidend schwächen. Die Vertreter der Weimarer Republik mussten die alleinige Kriegsschuld anerkennen und harte Friedensbedingungen akzeptieren.
Stresemann lehnte diese Forderungen empört ab:
"Wir sind vielleicht verloren, wenn wir den Frieden nicht unterzeichnen, aber wir sind sicher verloren, wenn wir ihn unterzeichnen."

Als Konsequenz des Versailler Vertrages besetzten französische, britische und belgische Einheiten das Rheinland. Deutschland musste Kriegsentschädigungen zahlen und verlor ein Siebtel seines Staatsgebiets. Elsass-Lothringen, Westpreußen, Posen und Teile von Oberschlesien.
Die erzwungenen Friedensbedingungen wurden mit wütenden Protesten und einer wachsenden nationalistischen Strömung in der Bevölkerung aufgenommen. Putschversuche erschütterten die Republik und die extreme Rechte gab den Vertretern der Demokratie die Schuld an dem verlorenen Weltkrieg.
Ex-Finanzminister Matthias Erzberger und Außenminister Walter Rathenau wurden ermordet. Angeblich seien Demokraten und Sozialisten den kämpfenden Truppen in den Rücken gefallen - die Dolchstoßlegende war geboren.

Die Hetzkampagnen von rechts verfehlten ihre Wirkung nicht. Bei den ersten Reichstagswahlen verlor die Koalition aus SPD, Linksliberalen und Zentrumspartei die Mehrheit. Die von Stresemann mitbegründete und angeführte DVP, die eine parlamentarische Monarchie forderte, steigerte ihr Ergebnis von 4 auf 14 Prozent und wurde somit zum Zünglein an der Waage.

Der Politiker
Stresemann, der die Überzeugung gewonnen hatte, dass Extremismus, egal ob von rechts oder links, den Staat unweigerlich in den Abgrund stürzen würde, war bereit, über seinen Schatten zu springen und Kompromisse zu schließen.
Das Krisenjahr 1923 wurde zur Bewährungsprobe. War bislang nur das Rheinland besetzt, so marschierten im Januar Franzosen und Belgier auch in das Ruhrgebiet ein. Offiziell wollten sie sich ein Pfand für ausstehende Kriegsentschädigungen sichern.
Berlin reagierte mit einem Aufruf zum passiven Widerstand, woraufhin zwei Millionen Arbeiter in den Ausstand traten. Um die Löhne der streikenden Arbeiter zu zahlen, wurde zusätzliches Geld in Umlauf gebracht, wodurch die Reichsmark mehr und mehr an Wert verlor.

Im Februar 1923 reiste Stresemann mit gefälschten Papieren in das Ruhrgebiet ein, um sich selbst ein Bild von der hoch explosiven Lage dort zu machen.

Im August trat die Regierung in Berlin wegen der Ruhrkrise zurück, was den Reichspräsidenten Friedrich Ebert vor die schwierige Aufgabe stellte, einen neuen Kanzler zu suchen. Seine Wahl fiel schließlich auf Stresemann, der das Amt mit ebenso viel Skepsis annahm, mit der es ihm von Ebert angeboten wurde.
Von politischem Selbstmord sprach Stresemann, wobei er nicht nur an die Ermordung von Erzberger und Rathenau dachte sondern auch an das endgültige Aus seiner politischen Karriere, sollte er scheitern. Und sein Scheitern schien vorprogrammiert angesichts der desolaten wirtschaftlichen und politischen Lage Deutschlands. Die Zukunft der Republik war ungewiss, die Stimmung explosiv und die Inflation erreichte schwindelerregende Höhen: ein Laib Brot kostete fast 280 Millionen Mark. Schon längst hatten die Bürger all ihre Ersparnisse verloren und standen vor dem Nichts.

Als Stresemann am 6. Oktober im Reichstag den Abbruch des passiven Widerstands im Ruhrgebiet verkündete, wurde er zum meist gehassten Politiker des Reiches. Verrat an Deutschland wurde ihm vorgeworfen und Kapitulation vor den Franzosen.
Überall im Reich kam es zu Aufständen. So riefen Separatisten in Koblenz eine rheinische Republik aus und in Sachsen und Thüringen verbündeten sich SPD und Kommunisten.
Stresemann antwortete mit dem Einsatz der Reichswehr.

Die größte Gefahr für die Weimarer Republik aber kam aus München, wo die bayrische Regierung gegen die Republik in Berlin mobilmachte, sich die Reichswehrgruppen im Land unterstellte und sich mit den sogenannten vaterländischen Verbänden zusammentat. Dies war eine Gelegenheit, die sich Adolf Hitler und die NSDAP nicht entgehen lassen wollten.
Eine von Gustav von Kahr initiierte Veranstaltung am 8. November im Münchner Hofbräukeller nutzte Hitler und erklärte die Regierung in Berlin für abgesetzt.
Die von den Putschisten ausgerufene Regierung wurde unterzeichnet von Hitler, Ludendorff, von Kahr und General von Lossow, der in der Putschregierung das Amt des Reichswehrministers bekleiden sollte.

Noch in derselben Nacht kam es in Berlin zu einer Krisensitzung, an der Stresemann und Ebert teilnahmen. Beiden war klar, dass nur ein Einziger diesen Putsch aufhalten konnte: General von Seeckt, der Chef der Heeresleitung der Reichswehr, der noch kurz zuvor jegliche Unterstützung für die Regierung abgelehnt und Stresemann den Gehorsam verweigert hatte.
Als Seeckt erfuhr, dass sein politischer Gegner General a.D. Ludendorff - während des Krieges Chef der Obersten Heeresleitung und nach dem Krieg Anhänger der völkischen Bewegung - sich an die Spitze dieses Putsches gestellt hatte, war er bereit, sich auf die Seite von Stresemann zu schlagen, woraufhin ihm Stresemann umfassende Vollmachten erteilte.

Hitler und Ludendorff marschierten zusammen mit 2000 bewaffneten Anhängern auf die Feldherrnhalle. Polizisten versperrten den Putschisten den Weg. 4 Polizisten und 16 Putschisten kamen ums Leben.
Ludendorff wurde später freigesprochen und Hitler, der zunächst geflüchtet war, bereits nach 13 Monaten aus der Haft entlassen.
Unter den Nationalsozialisten wurde der gescheiterte Putschversuch zu einer Heldentat verklärt und alljährlich am 9. November der getöteten "Märtyrer" gedacht.
Nur wenige Tage nach dem gescheiterten Hitler-Putsch machte sich Stresemann an den nächsten Kraftakt - er führte die Rentenmark ein. Für 1 Billion Papiermark gab es 1 Rentenmark.

Obwohl Stresemann die Republik aus ihrer schwersten Krise geführt hatte, geriet er im Reichstag erneut unter Druck. Am 23. November stellte Stresemann die Vertrauensfrage, da sich die SPD von ihm trennte, weil er die Reichswehr in das rote Thüringen und Sachsen einmarschieren ließ. Die Deutschnationalen versagten ihm die Gefolgschaft, weil er den Ruhrkampf aufgegeben hatte.
Stresemann verlor die Abstimmung mit 156 zu 231 Stimmen, was Friedrich Ebert mit seiner SPD hadern ließ:
"Was Euch veranlasst, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen Eurer Dummheit werdet Ihr noch zehn Jahre lang spüren!"


Die späten Jahre
Eigentlich wollte sich der an der Basedowschen Krankheit leidende Stresemann endgültig aus der Politik zurückziehen, aber da wurde er zum Außenminister berufen. Strenge Selbstdisziplin und der unbedingte Wille zur Pflichterfüllung veranlassten ihn schließlich zur Wiederkehr auf die politische Bühne.

1924 erreichte Stresemann mit Hilfe der Amerikaner eine Reduzierung der Reparationsleistungen und er suchte die Annäherung an Frankreich, um die außenpolitische Isolation Deutschlands zu beenden. Auf der Locarno-Konferenz im Jahr 1925 verzichtete Stresemann endgültig auf Elsass-Lothringen. Im Gegenzug stellte sein französischer Amtskollege Aristide Briand, der ebenfalls einen Neuanfang zwischen den beiden Nationen wollte, den Abzug seiner Truppen aus Deutschland in Aussicht.
1926 wurde Deutschland auf Stresemanns Betreiben und mit Hilfe von Briand Mitglied im Völkerbund. Somit war Deutschland nach acht Jahren Isolation wieder vollwertiges Mitglied der internationalen Völkergemeinschaft.

Stresemanns Worte zu diesem Anlass waren ein Aufruf zum friedlichen Miteinander unter den Nationen:
"Der göttliche Baumeister der Erde hat die Menschheit nicht geschaffen als ein gleichförmiges Ganzes [.....] Aber es kann nicht der Sinn einer göttlichen Weltordnung sein, dass die Menschen ihre nationalen Höchstleistungen gegeneinanderkehren und damit die allgemeine Kulturentwicklung immer wieder zurückwerfen. Der wird der Menschheit am meisten dienen, der, wurzelnd im eigenen Volke, das ihm seelisch und geistig Gegebene zur höchsten Bedeutung entwickelt und damit, über die Grenze des eigenen Volkes hinauswachsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag [.....].

Für seinen Beitrag zur Völkerverständigung erhielt Stresemann am 27. November 1926 zusammen mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis.  

Am 27. August 1928 unterzeichnete Stresemann für das Deutsche Reich den Briand-Kellogg-Pakt. Diesem Nichtangriffsbündnis schlossen sich insgesamt 63 Staaten an.
1929 versprach Aristide Briand, binnen eines Jahres die französischen Truppen aus Deutschland abzuziehen, wenn Berlin im Gegenzug einer endgültigen Regelung der Kriegsentschädigung zustimmte.

Die Ultrarechten in der Regierung, die nur die Kosten sahen, aber nicht die Vorteile, starteten eine wilde Hetzkampagne gegen Stresemann. "Bis in die dritte Generation müsst Ihr frönen" agitierte der Verleger Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, auf Plakaten und Flugblättern. Unterstützung erhielt er von Franz Seldte, Vorsitzender des "Stahlhelm", einer paramilitärischen Organisation ehemaliger Frontsoldaten und Adolf Hitler.

Am 3. Oktober 1929 starb Gustav Stresemann in seiner Heimatstadt Berlin nach langer Krankheit an einem Schlaganfall. Er wurde 51 Jahre alt. Der Leichnam wurde im Reichstag aufgebahrt und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Hunderttausende begleiteten den Trauerzug vom Reichstag durch das Brandenburger Tor bis zum Luisenstädtischen Friedhof, wo er in einem Ehrengrab des Landes Berlin ruht.
Seine Witwe Käte starb am 23. Juli 1970 in New York. Sohn Wolfgang wurde Intendant des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin und der Berliner Philharmoniker.

Die Verdienste
"Es grenzte an Heldenmut, wie er unermüdlich für sein Volk im Schatten des Todes, den wir alle die Hand nach ihm ausstrecken sahen, weiter arbeitete und plante"

Mit diesen Worten zollte der britische Schatzkanzler seinen Respekt und seine Anerkennung für den in Deutschland oft so unpopulären und verkannten Staatsmann.
Stresemann selbst äußerte sich zu diesen ständigen Anfeindungen einmal mit folgenden Worten:
"Zu wissen, dass man recht hat, dass man nicht anders handeln konnte, als man handelte und sich auf einmal ganz allein zu finden, verhasst, geschmäht, verleumdet - sich zu fragen, wie soll man dem Irrtum eines ganzen Volkes standhalten, wie soll man beweisen, dass man als einzelner sich nicht geirrt hat - es ist die schwerste Prüfung, die einem das Schicksal auferlegt. Ich war mir bewusst, dass ich in dem Augenblick damit nicht nur vielleicht die eigene Stellung in der Partei, sondern das Leben auf das Spiel setzte. Aber was fehlt uns im deutschen Volk? Und fehlt der Mut zur Verantwortlichkeit".

Ausgerechnet er, der Erzkonservative, der Monarchist und Nationalist wurde durch seine Verständigungs- und Friedenspolitik einer der bedeutendsten Verfechter und Unterstützer der jungen deutschen Demokratie, einer Demokratie, die von Revolution, Inflation, Arbeitslosigkeit sowie von Links- und Rechtsradikalen in ihrer Existenz immer wieder bedroht wurde.

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