Berlin - Impressionen einer Metropole Berlin, Oberbaumbrücke und Fernsehturm

Berliner Hostienschändungsprozess

Die Geschichte der Juden in Berlin beginnt Mitte des 13. Jahrhunderts. Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Berlin stammt aus dem Jahr 1295. Auch in Spandau gab es eine jüdische Bevölkerung. In der Zitadelle in Spandau lagern heute über 60 jüdische Grabsteine aus dem 13. bis 15 Jahrhundert, der älteste stammt aus dem Jahr 1244.
Da den Berliner Juden zunächst ein eigener Friedhof verwehrt blieb, bestatteten sie ihre Toten auf dem erstmals 1314 urkundlich erwähnten Judenkiewer in Spandau, dem ältesten bekannten Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Die Juden besaßen so gut wie keine Rechte. Ihr Broterwerb war auf wenige Felder beschränkt - sie waren Händler oder Kreditgeber. Ihre Duldung hing allein von dem Wohlwollen des jeweiligen Landesherrn ab, der ihnen für ihr Bleiberecht und etwaige Privilegien, wie die Genehmigung eines Rabbiners, hohe Steuern und Abgaben abverlangte.
Entzog der Landesherr den Juden sein Wohlwollen oder kam es zu Krisen oder Epidemien, waren die Juden vogelfrei und der Verfolgung und Vertreibung hilflos ausgeliefert.
Als im Jahre 1348/49 die Pest Europa heimsuchte, kam es in Berlin zu den ersten Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung.
Kurfürst Friedrich II vertrieb die Juden 1446 aus der Mark Brandenburg.
In Breslau, Mecklenburg und Magdeburg wurden im 15. Jahrhundert zahlreiche Juden wegen Hostienfrevels auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Eine ähnlich traurige Berühmtheit erlangte in diesem Zusammenhang die Ortschaft Knoblauch im Havelland, die im Jahre 1510 Ausgangspunkt eines grausamen Schauprozesses wurde, der 50 Juden das Leben kostete und der eine erneute Judenvertreibung aus Berlin und Brandenburg zur Folge hatte.
Die Tragödie nahm ihren Lauf mit der Verhaftung des aus Bernau stammenden christlichen Kesselflickers Paul Fromm. Ihm wurde der Diebstahl einer Monstranz und einer Hostienbüchse mit zwei geweihten Hostien aus der Knoblaucher Dorfkirche vorgeworfen. Zwar sagte Fromm zunächst aus, er habe die Hostien gegessen, beschuldigte aber später unter der Folter den Juden Salomon aus Spandau, die Hostien gekauft zu haben.
Salomon wurde verhaftet und so lange der Folter unterzogen, bis er sich selbst der Schändung der Hostie bezichtigte und Namen von Juden preisgab, denen er angeblich Teile der Hostie geschickt hatte. Auch diese Juden nannten unter der Folter wiederum Namen anderer Juden und so kam es, dass schon nach wenigen Tagen rund 100 Juden inhaftiert und nach Berlin gebracht wurden, um ihnen dort den Prozess zu machen.
Da Juden generell im Verdacht standen, unschuldige Christenkinder zu schlachten und geweihte Hostien zu schänden, war es für die Untersuchungsrichter nicht schwierig, sie wegen Ritualmordes und Gotteslästerung anzuklagen.

Der Schauprozess fand schließlich Anfang Juli auf dem Neuen Markt nahe der Marienkirche statt, wobei die Angeklagten spitze Ketzerhüte tragen mussten.
Von den 51 Juden, gegen die schließlich Anklage erhoben wurde, verstarben 10 bereits beim hochnotpeinlichen Verhör. Von den drei Juden, die ihrem Glauben unter der Folter abschworen und sich taufen ließen, wurden zwei zum Tode durch das Schwert "begnadigt", ein dritter wurde aus der Haft entlassen und 38 Juden am 19. Juli 1510 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Unter lautem Beten und Gesängen sollen sie gefasst ihrem Tod ins Auge geblickt haben.
Der christliche Kesselflicker starb den Feuertod an einem Brandpfahl.
Alle Juden mussten das Land verlassen, ihre Vermögen wurden konfisziert, ihre Friedhöfe zerstört. Die Grabsteine des Judenkiewers in Spandau wurden bei der Errichtung der Zitadelle verwendet.

Als "Verhängnis der Mark Brandenburg" bezeichnete der Jude Josel von Rosheim diesen Vorfall im Jahre 1539 auf dem Fürstentag in Frankfurt am Main, wo er einen mächtigen Fürsprecher hatte - Philipp Melanchton, ein enger Vertrauter und Weggefährte von Martin Luther.
Melanchton berichtete, dass der Kirchendieb bei seiner letzten Beichte gestand, dass seine unter der Folter erzwungene Aussage unwahr sei und es einen jüdischen Hostienkäufer niemals gegeben habe.
Der Priester habe daraufhin den Bischof über das Unrecht informiert. Dieser verpflichtete ihn aber zum Stillschweigen, woran sich der Priester auch so lange hielt, bis er zum Protestantismus konvertierte.

Josel von Rosheim, der die Interessen der jüdischen Gemeinden vertrat, konnte daraufhin den Kurfürsten Joachim II von Brandenburg dazu bewegen, den Juden die Neuansiedlung in seinem Herrschaftsbereich zu gewähren.
Aber Josel von Rosheim erreichte noch mehr. Die jüdische Bevölkerung brauchte fortan nicht mehr den Jahrhunderte lang üblichen Gelben Ring zu tragen, einen Flicken aus Stoff, der an der Kleidung angebracht wurde und Juden kennzeichnete.
Zudem gewährte das Edikt von Speyer aus dem Jahr 1544 den Juden ein klar definiertes Aufenthalts- und Handelsrecht und bezeichnete sie erstmals als Mitbürger.

Ganz uneigennützig war das Zugeständnis des Kurfürsten sicherlich nicht, denn das Land war nach dem erfolglosen Türkenfeldzug hoch verschuldet. So holte sich Joachim II den Juden Lippold als Münzmeister an seinen Hof und berief ihn 1556 zum obersten Aufseher aller märkischen Juden. Zu Lippolds Aufgaben gehörte die Prüfung von Schutz- und Geleitbriefen und die Kontrolle der Münzstätten.
Als Kurfürst Joachim II. überraschend starb, war auch das Schicksal von Lippold besiegelt, denn sein Sohn und Nachfolger Kurfürst Johann Georg ließ Lippold verhaften und am 28. Januar 1573 auf äußerst grausame Weise hinrichten. Es kam zu erneuten Judenverfolgungen, in deren Verlauf auch die Berliner Synagoge zerstört wurde.
Die Juden wurden des Landes verwiesen und durften erst wieder nach rund 100 Jahren zurückkehren.

1671, über 20 Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Europa verwüstet und teilweise entvölkert hatte, kehrten die ersten jüdischen Familien mit Genehmigung des Großen Kurfürsten nach Berlin und Brandenburg zurück und so gilt dieses Jahr als Gründungsjahr der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Während den Hugenotten, die zum gleichen Zeitpunkt ins Land kamen, jedwede Privilegien zugestanden wurden, wurden sie den Juden verwehrt. Die Zünfte blieben ihnen auch weiterhin versperrt und für ihren Schutz mussten sie hohe Sondersteuern entrichten. Auch der Bau einer Synagoge war ihnen verboten.
Erst am 7. September 1714 durfte die jüdische Gemeinde ihre Synagoge einweihen. Keine Geringere als die Königin Sophie Dorothea selbst war bei dieser Einweihung zugegen. Allerdings war der Bau der Synagoge mit Auflagen versehen, denn sie durfte die umliegenden Gebäude nicht überragen.

Ein Gedenkstein für die Opfer des Berliner Hostienschändungsprozesses steht im Berliner Ortsteil Mitte in der Mollstraße 11.
Knoblauch wurde Ende 1960 dem Erdboden gleichgemacht, da es einem Erdgasspeicher weichen musste. Das Areal gehört heute zur Stadt Ketzin an der Havel.

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